"In the Spotlight"

Infrastruktur ohne (Mehr)Wert – die „Coal Road“ durch den Hutan Harapan

Kurz belichtet, 16. Oktober 2020

von Josephine Sahner

Der Hutan Harapan (Wald der Hoffnung) liegt in den Provinzen Jambi und Süd-Sumatra und erstreckt sich auf knapp 100.000 Hektar. Diese Fläche repräsentiert etwa 20% des noch verbliebenen Tieflandregenwaldes der Insel Sumatra, ist Refugium für Tiger und Elefanten und bietet zahllosen anderen Tier-, Pflanzenarten und Mikroorganismen einen Lebensraum. Der Hutan Harapan ist kein Naturschutzgebiet oder Nationalpark, für die Fläche wurde eine Naturschutzkonzession (Ecosystem Restoration Concession, ERC) vergeben. Diese Landnutzungskonzession hat die Förderung des Regenwaldschutzes zum Ziel und soll der enormen Entwaldung Indonesiens entgegenwirken. Die Naturschutzkonzessionen sind von essenzieller Bedeutung für die indonesischen Klimaschutzmaßnahmen, denn die meisten Treibhausgasemissionen die Indonesien verursacht, sind auf die Umwandlung von Waldflächen hinzu Agrarflächen u.ä. zurückzuführen. Für die Fläche des Hutan Harapans wurde 2007 die erste Naturschutzkonzession in Indonesien vergeben. Finanzielle Unterstützung für die Durchführung in Höhe von 8,1 Millionen Euro kommen aus Deutschland vom Bundesumweltministerium bzw. der Internationalen Klimainitiative (IKI). In Indonesien stehen die politischen Entwicklungen jedoch nicht gerade im Zeichen des Umwelt- und Klimaschutzes. Die Regierung unter Präsident Joko Widodo (Jokowi) treibt den Infrastrukturausbau in Indonesien massiv voran. Von diesem Ausbau profitiert vor allem die Wirtschaft, sei es durch Investitionen zur Umsetzung von Projekten oder durch die Nutzung der neu entstehenden Strukturen.

Der geplante Bau der Coal Road (Kohlestraße) durch Teile des Hutan Harapans ist jedoch als besonders fragwürdiges Infrastrukturprojekt zu betrachten, denn er ist ein Paradebeispiel für einen Infrastrukturausbau ohne ersichtlichen Mehrwert für die Allgemeinheit. Bereits im vergangenen Jahr hat das Bergbauunternehmen PT Marga Bara Jaya (MBJ) vom indonesischen Ministerium für Umwelt und Forstwirtschaft die Genehmigung erhalten eine Kohlestraße zu bauen. Die von MBJ geplante Straße soll vom Kohleabbaugebiet im Bezirk Musi Rawas zum Kohlekraftwerk in Musi Banyuasin gebaut werden. Ihre Länge beträgt etwa 88 km und sie wird zu 2/3 durch den Hutan Harapan führen. Aus wirtschaftlicher Sicht scheinen die Pläne auf den ersten Blick nachvollziehbar, da angenommen werden könnte, dass die straßenbauliche Erschließung notwendig ist, um den Transport der Kohle zu ermöglichen oder in einem Ausmaß zu erleichtern, welche die zerstörerischen Eingriffe in den Hutan Harapan rechtfertigen.

Aus Perspektive von Watch Indonesia! und einer Vielzahl von Organisationen in Indonesien treffen die Argumente für eine wirtschaftliche Rechtfertigung bzw. Notwendigkeit der Straße durch den Hutan Harapan nicht zu. Die ökologischen und sozioökonomischen Konsequenzen der Erschließung sind als negativ zu bewerten. Die Bauarbeiten selbst gehen einher mit massiven Eingriffen und einer großflächigen Entwaldung und führen unweigerlich zur Vernichtung von wertvollen Lebensräumen. Durch den Bau der Straße wird der Wald zudem sehr viel einfacher zugänglich gemacht und damit wird z.B. auch der Wilderei und dem illegalem Holzeinschlag Vorschub geleistet. Auch die Indigenen Batin Sembilan sind betroffen, schrumpft der Wald, verkleinert sich die Fläche, die ihren Lebensunterhalt sichert und von größter Bedeutung für sie ist. Und das sind nur die augenscheinlichsten Auswirkungen.

Die Genehmigung für den Bau umfassen etwa eine Fläche von 500 Hektar des Hutan Harapans. Schätzungen von lokalen Organisationen gehen jedoch davon aus, dass reell ca. 6000 Hektar vom Straßenbau betroffen sein werden. Die entstehenden Kosten durch die Entwaldung und das damit verbundene Verlorengehen von Ökosystemleistungen könnte sich langfristig auf über 500 Millionen Euro belaufen. Doch das ist nur eine Perspektive, die den geplanten Straßenbau als fragwürdig einstufen lässt. Hinzu kommt, dass es ein bereits existierendes Straßennetz gibt, dessen Nutzung und/oder Ausbau die oben genannten Konsequenzen sofort ausschließen würde. Die existierenden Straßen haben Längen von 97, 102 und ca. 130 km vom Abbaugebiet bis zum Kraftwerk. Das entspricht einer Reduktion der Strecke von 10, 15 bzw. etwa 47% durch die geplante Straße gegenüber der bereits existierenden. Ob diese Verkürzung im Verhältnis zu den negativen Auswirkungen des Straßenneubaus durch den Hutan Harapan steht, ist aus unserer Sicht zu verneinen. Auch ist fragwürdig, ob ein Ausbau bereits vorhandener Straßen nicht sehr viel einfacher und günstiger ist in Hinblick auf die Aufwendigkeiten bei der Erschließung sowie die Menge an Ressourcen, die eingesetzt werden müssen.

Abgeholzte Waldfläche unweit des Hutan Harapan, 2012 (Foto: J. Sahner)

Die Koalisi Anti Perusakan Hutan (Koalition gegen die Zerstörung des Waldes, ein Zusammenschluss von indonesischen Organisationen) hat umfassende Argumente, Fragen und Vorschläge an das Ministerium für Umwelt und Forstwirtschaft sowie MBJ herangetragen, bisher jedoch ohne Erfolg. Heute, am 16. Oktober 2020, endete die Frist für MBJ die vorbereitenden Arbeiten für den Straßenbau abzuschließen. Obwohl, laut Informationen aus der Region, die Arbeiten wohl nicht vollständig abgeschlossen werden können, hat das Ministerium für Umwelt und Forstwirtschaft bereits signalisiert, dass der Umfang der Arbeiten ausreicht, damit MBJ mit dem Projekt fortfahren kann. MBJ ist ein Tochterunternehmen des Rajawali Konzerns, eine der führenden Investment-Holdinggesellschaften, die dem Tycoon Peter Sondakh gehört. Das Geschäftsportfolio von Rajawali umfasst die Bereiche Landwirtschaft, Infrastruktur, Information, Kommunikation & Technologie, Konsumgüter, Medienübertragung, Bergbau & Ressourcen, Immobilien & Hotels, sowie Einzelhandel und Transportdienstleistungen. Peter Sondakh ist lauf Forbes auf Platz 16 der reichsten Menschen Indonesiens (weltweit Platz 1335). Dass der gesellschaftliche und politische Einfluss von Peter Sondakh und dem Rajawali Konzern nicht ganz unbedeutend sind, ist anzunehmen.

Der Bau der Coal Road durch den Hutan Harapan ist ein weiterer trauriger Beleg dafür, dass die Regierung unter Jokowi ihre Entscheidungen nur allzu oft zu Gunsten der wirtschaftlichen Interessen fällt und, wie hier, Aspekte des Umwelt- und Klimaschutzes diesen untergeordnet werden. Es bleibt zu hoffen, dass der Wald der Hoffnung als wichtiger Lebensraum in seiner gegenwärtigen Form auch in der Zukunft bestehen bleibt. Das sollte nicht nur im Interesse der deutschen Regierung sein, die in das Projekt Hutan Harapan investiert, sondern vor allem in unser aller Interesse, da es in Zeiten des Klimanotstandes, mehr als denn je, nötig ist, sich für den Erhalt wichtiger Ökosysteme wie den Hutan Harapan einzusetzen.

 

Weitere Beträge in deutscher und englischer Sprache zum Thema sind u.a. hier zu finden:

Rettet den Regenwald 

Mongabay_1

Mongabay_2

Tempo Magazin

World Rainforest Movement


Tags: , , , , ,


Share
UA-74856012-1