Fragwürdig: Was bringen Kofi Annans Timor-Trips?

Neues Deutschland, 18. Februar 2000

Neues-Deutschland

Interview mit Monika Schlicher

Die promovierte Politologin (35) ist Sprecherin der in Berlin ansässigen Menschenrechtsorganisation Watch Indonesia!

UNO-Generalsekretär Kofi Annan ist nach Indonesien und Osttimor gereist – was erwarten Sie davon?

Ein klares Signal zur Aufarbeitung der Menschenrechtsverbrechen in Osttimor.

Monika Schlicher

Monika Schlicher

Annan sagte nach seinen Gesprächen in Jakarta, die neue Führung Indonesiens meine es ernst mit der Bestrafung der Verantwortlichen für die Gräuel in Osttimor. Er sagte aber auch, damit würde sich ein internationales Tribunal erübrigen.

Wir sehen das mit großer Sorge. Wenn es die Führung in Indonesien damit ernst meint, heißt das noch lange nicht, dass sie dazu umfassend in der Lage ist. Das sieht man ja auch an dem Zickzack-Kurs, den Präsident Wahid bei der Suspendierung von General Wiranto gefahren ist. Deshalb wäre es fatal, wenn die UNO so frühzeitig einlenkt und den indonesischen Behörden allein die Verantwortung überträgt. Es geht ja nicht nur um Menschenrechtsverletzungen in Osttimor, sondern auch um jene in Indonesien selbst.

Was muss denn ihrer Meinung die UNO, die ja gegenwärtig Osttimor verwaltet, für eine schnelle Normalisierung der Lage tun?

Ganz wichtig ist es, dass die UNO die sich mehrenden Anzeichen berücksichtigt, dass die Osttimoresen das Gefühl haben: Wir haben ein Referendum gewonnen, aber wir sind noch lange nicht Herren im eigenen Land. Wichtig ist, dass der Aufbau mit der Bevölkerung und nicht ohne sie erfolgt.

Kofi Annan will die internationale Gemeinschaft jetzt für eine umfangreiche Wiederaufbauaktion mobilisieren.

Annans Bemühungen sind lobenswert. Selbstverständlich hat die Staatengemeinschaft die Verpflichtung, beim Wiederaufbau von Osttimor zu helfen. Inzwischen ist ein Geldgeberkonsortium für Osttimor gebildet worden. Meines Wissens gibt es momentan gewisse Schwierigkeiten, das Geld angemessen einzusetzen. Wichtig ist, dass es in einen nachhaltigen Aufbau fließt und nicht verpulvert wird. Sicher bringt da auch der UNO-Generalsekretär neue Erkenntnisse mit.

Haben die Widerstandsführer Gusmão und Horta eine erkennbare Entwicklungsstrategie für Osttimor? Welche Partnerschaften streben sie an?

Sie sind jetzt erst einmal bemüht, zu allen Staaten in der Nachbarschaft Beziehungen zu knüpfen – sie unternahmen gerade eine Asien-Rundreise. Andererseits haben gerade Leute wie Horta und Gusmão noch eine enge Bindung an Portugal – sie wollen ja auch den Escudo als Währung und nicht den Dollar.

Können Sie sich Osttimor als Mitglied der ASEAN vorstellen?

Ja, warum nicht. Es ist daher auch sehr zu begrüßen, dass sich viele ASEAN-Staaten an der UNO-Blauhelmtruppe für Osttimor beteiligen – die Philippinen haben jetzt auch das Oberkommando inne.

Wie werden sich die Beziehungen zu Indonesien entwickeln?

Da sind gute Anfänge gemacht worden, und wenn Indonesien auf dem Demokratisierungskurs bleibt, sehe ich keine Probleme. Allerdings konnte sich Annan selbst davon überzeugen – ihm war der Besuch der Flüchtlingslager in Westtimor verwehrt – dass die UNO noch einiges für die Sicherheit der Timoresen zu tun hat.

Fragen: Jochen Reichert


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