«Viele Indonesier haben Angst vor den USA»

Netzeitung, 29. Oktober 2001

netzeitungDie USA gefährden den Prozess der Demokratisierung in Indonesien mehr als radikale Moslems, meint der Menschenrechtler Munir. Der Netzeitung erklärte er, warum. Munir heißt der bekannteste indonesische Menschenrechtler, der wie viele Indonesier nur einen Namen hat. Er wurde mit dem Alternativen Nobelpreis 2000 ausgezeichnet, die Zeitschrift «Asiaweek» kürte den Rechtsanwalt zu einer der 20 vielversprechendsten Führungspersönlichkeiten Asiens. Der Netzeitung erzählte der 35-Jährige, wie die Ereignisse vom 11. September die politische Situation im größten moslemischen Land der Welt verändert haben und warum Indonesier Angst vor den USA haben – auch, wenn sie deren Kampf gegen den Terror befürworten.

Netzeitung: Haben radikale Islamisten nach dem 11. September in Indonesien Aufwind bekommen?

Munir: Ich glaube nicht. Es sind weder mehr noch weniger geworden. In den ausländischen Medien wird zu sehr generalisiert: Wenn in Jakarta 100 Menschen mit islamischen Symbolen  gegen Amerika  demonstrieren, wird das so dargestellt, als ob alle Indonesier dieser Meinung  sind. Aber in Indonesien ist der moderate Islam sehr  viel stärker. Außerdem gibt es ja viele Menschen, die  zwar für den Frieden demonstrieren, aber nicht  radikal sind. Die werden auch mit den radikalen  Gruppen in einen Topf geworfen. Das ist  gefährlich.

Netzeitung: Ist der  moslemische Radikalismus eine Gefahr für das Land?

Munir: Ich denke, dass radikale Gruppen entstehen, ist ein ganz normaler Prozess in einem Land, das eine neue Gesellschaft aufbaut. Das ist nur eine kleine Schicht, mit der die große Mehrheit nicht einverstanden ist. Es gibt keinen Grund, sie zu verbieten, so lange sie nicht gegen Gesetze verstoßen. Es wäre falsch, autoritär vorzugehen, so wie das unter Präsident Suharto passiert ist.

Netzeitung: Ist der Demokratisierungsprozess in  Indonesien nach dem 11. September gefährdet?

Munir: Die Ereignisse vom 11. September haben in der indonesischen Politik zwei Probleme verstärkt, die vorher schon da waren. Das eine ist der Konflikt zwischen islamischen Kräften und Nationalisten, der schon lange besteht. Die Geschehnisse vom 11. September und die aufkommenden Gefühle gegen Amerika sind ein neues Instrument in diesem politischen Konflikt. Der zweite Punkt sind große Veränderungen für das Militär. Infolge des 11. Septembers ist das Militär in vielen Ländern rehabilitiert worden – auch in Indonesien.

Netzeitung: Warum haben viele Indonesier Angst vor den USA?

Munir: Viele Indonesier haben nicht deshalb Angst vor den USA, weil sie gegen den Krieg in Afghanistan sind, sondern weil sie fürchten, dass Amerika konservative Kräfte oder das Militär unterstützt. Das Ziel ist natürlich, den Terrorismus zu bekämpfen, aber der Demokratisierungsprozess würde dadurch gebremst. Das ist die Doppelmoral westlicher Demokratie: Die Menschen sind gezwungen, sich zu entscheiden, ob sie den Kampf gegen den Terrorismus oder die Demokratisierung wollen.

Netzeitung: Nach Darstellung westlicher Staaten handelt es sich aber gerade um einen Krieg der Demokratie gegen den Terrorismus.

Munir: Wenn das gesagt wird, glaube ich das nicht, weil die Demokratie auch autoritäre Regime für ihre Zwecke benutzt. Wir fürchten, dass das auch in Indonesien passiert. Das Militär ist nach den Ereignissen vom 11. September stärker geworden. Aber damit wird der internationale Druck für die Lösung von Menschenrechtsproblemen schwächer.
Zum Beispiel die Forderung, dass Indonesien die Soldaten, die in Osttimor für Gräueltaten verantwortlich waren, verurteilt. Seit dem 11. September steckt der Demokratisierungsprozess überall fest.

Netzeitung: Werden die Ressentiments gegen Amerika von bestimmten Interessengruppen für ihre Zwecke instrumentalisiert?

Munir: Ich denke schon. In Indonesien kann jedes Thema zu einem Werkzeug im politischen Wettstreit werden. Sie können sich vorstellen, in was für einer schwierigen Position sich die Präsidentin Megawati Sukarnoputri befindet. Wenn sie sich nicht eindeutig gegen Amerika stellt, wird sie von den radikalen islamischen Gruppen angefeindet, die sie als Frau ohnehin nicht als Präsidentin sehen wollen.

Netzeitung: Wer ist außerdem daran interessiert, Megawati zu schwächen?

Munir: Vor allem das Militär. International wird nun ein stärkeres Militär gebraucht, und das Militär nutzt das, um zivile Gruppen anzugreifen, die es oft kritisieren.

Netzeitung: Gibt es Kräfte, die Megawati stürzen wollen?

Munir: Natürlich! Wer auch immer in Indonesien Präsident wird – es gibt immer jemanden, der ihn  stürzen will. Selbst, wenn nächste Woche ein neuer Präsident an die Macht käme, gäbe es schon Leute, die darauf warten, ihn zu stürzen. Das ist typisch für Indonesien seit dem Rücktritt des autokratischen Präsidenten Suharto 1998. Selbst Megawatis eigene Parteifreunde könnten daran ein Interesse haben.

Netzeitung: Wie muss sie sich jetzt verhalten?

Munir: Megawati darf nicht wegen internationaler Interessen denen Raum geben, die den Demokratisierungsprozess annullieren wollen. Aber sie kann nicht alle Forderungen erfüllen, weder die nationalen noch die internationalen. Indonesien ist nicht in der Position, den USA klar entgegenzutreten. Das ist nicht realistisch. Die internationalen Beziehungen würden darunter leiden. Ich denke, die Regierung muss einen möglichst unabhängigen Standpunkt einnehmen.

Die Fragen an Munir stellte Juliane Gunardono


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