Kahlschlag zertifizieren?

Forum und Entwicklung: Rundbrief III/2006:

Bioenergie-Boom – Goldrausch mit Risiken und Nebenwirkungen, September 2006

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Ein Ökosiegel für industriell angebautes Palmöl ist absurd. Nötig ist vielmehr ein Gesetz, das Energieproduktion aus tropischen Pflanzen verbietet.

von Marianne Klute und Werner Paczian

ForumUEBei der Frage, ob durch ein geeignetes Zertifizierungssystem der Einsatz von Palmöl als Rohstoff für so genannte Biotreibstoffe ökologisch und sozial nachhaltig gestaltet werden kann, ist ein Blick auf den status quo unerlässlich. Der weltweite Palmölboom der vergangenen Jahre hat zur Zerstörung riesiger Regenwaldflächen und zu sozialen Konflikten geführt. Waldzerstörung, die Verseuchung von Böden, Wasser und Luft durch Agrargifte sowie Landkonflikte und Verarmung der betroffenen Menschen waren die Folgen. Die aktuelle Entwicklung, Palmöl als Rohstoff zur Energiegewinnung einzusetzen, verschärft die negativen Folgen.

Wie bei anderen Früchten auch ist nicht die ölhaltige Palme das Problem, sondern wie sie angebaut wird. Beispiele vor allem aus Afrika belegen, dass Palmöl auf kleinen Flächen umweltschonend produziert werden kann und der lokalen Bevölkerung ein Einkommen sichert. Doch seit Beginn des Palmöl-Booms vor etwa 15 Jahren wird die Frucht überwiegend in riesigen Monokulturen industriell angebaut. Auf keiner dieser Plantagen wurde bisher der Nachweis erbracht, dass Palmöl ökologisch und sozial nachhaltig angebaut werden kann.

Am gravierendsten sind die negativen Auswirkungen des Palmöl-Booms in Indonesien. Dort haben seit Mitte der neunziger Jahre internationale Investoren die Palmölproduktion massiv ausgedehnt. Heute ist der Inselstaat nach Malaysia der zweitgrößte Produzent. Vor allem die Regenwälder auf Sumatra und Borneo mussten und müssen dafür den Plantagen weichen.

Etwa 100 von 220 Millionen Menschen insgesamt sind in Indonesien auf Wälder und ihre natürliche Ressourcen zum Überleben angewiesen, darunter rund 40 Millionen Indigene. Für Millionen von ihnen hat der Palmölboom massive soziale Folgen. Die Vernichtung der Wälder und die Verseuchung von Boden und Wasser beraubt sie ihrer Lebensgrundlagen. Sie erleben am eigenen Leib, dass die Investitionen in die Agrarindustrie Armut erzeugen und nicht ein Mittel der Armutsbekämpfung sind, wie es die Entwicklungspolitik glauben machen will. In Indonesien sind diese Menschen die Verlierer in einem Kampf um die letzten Ressourcen.

Bisher wird Palmöl vor allem in Nahrungs- und Reinigungsmitteln sowie in Kosmetika eingesetzt. Die weltweit explosionsartig steigende Nachfrage nach so genannten Biotreibstoffen führt gerade zu einem zweiten Palmöl-Boom. Seitdem läuft auch in Deutschland eine Diskussion, ob mit Hilfe eines geeigneten Zertifizierungssystems der industrielle Einsatz von Palmöl aus sozial gerechter und ökologisch nachhaltiger Produktion gelingen kann.

Angesichts der Erfahrungen insbesondere in Indonesien ist es absurd, über ein Zertifizierungssystem für eine Branche nachzudenken, die gleichbedeutend ist mit Regenwaldvernichtung, Landvertreibung, Mord, Folter, Kinderarbeit und Vergiftung natürlicher Ressourcen.

Die Fläche für Palmölplantagen ist in Indonesien seit 1985 bis 2005 um 845 Prozent gestiegen. Der wichtigste Grund ist, dass es dreifache Gewinnmöglichkeiten gibt: Holz, Papier und Palmöl. Erst wird illegal abgeholzt, wobei die edlen Hölzer auf dem Weltmarkt verkauft werden, während die weniger wertvollen an die indonesische Papierindustrie gehen. Anschließend wird per Brandrodung der restliche „Wald“ vernichtet und die lokale Bevölkerung vertrieben. Danach ist Platz für Palmölplantagen, die wichtigsten Devisenbringer. Die Profite landen auf den Konten einer kleinen Oberschicht, während die betroffene Bevölkerung verarmt.

Weitere Gründe für den Palmöl-Boom sind die niedrigen Bodenpreise, Korruption, Vetternwirtschaft und das Ziel der Regierung, zum weltgrößten Produzenten aufzusteigen. Die Lizenzen werden meist zum Nachteil der lokalen Bevölkerung vergeben. Die Plantagen werden häufig mit Hilfe von paramilitärischen Gruppen angelegt, die sich für die Interessen der Konzerne einsetzen. Seit 1998 hat die indonesische Umwelt- und Menschenrechtsorganisation „Sawit Watch“ über 500 Fälle von teilweise gewaltsamen Konflikten dokumentiert im Zusammenhang mit Palmöl-Plantagen. Opfer waren jeweils Leute, die ums Überleben gekämpft und lokale Rechte verteidigt haben. Im selben Zeitraum wurden als Folge von Landkonflikten Dutzende Menschen ermordet.

Der Anteil der für den Anbau von Nahrungsmitteln zur Verfügung stehenden Flächen sinkt, den Bauern wird durch Palmölplantagen außerdem regelrecht das Wasser abgegraben, die Menschen verlieren ihre Einkommensquelle und sind oft gezwungen, auf den Plantagen zu arbeiten. Dort haben sie keine Absicherung, schuften als billige Tagelöhner und sind rechtlos. Zudem verliert die lokale Bevölkerung ihr Land, da ihre traditionellen Landtitel nicht anerkannt werden. Wer als Kleinbauer Palmöl anbaut, hat keinen Marktzugang mehr und gerät in die Abhängigkeit der großen Konzerne.

Die Palmen wachsen in Monokulturen, eine Folge ist die Verarmung der Böden, was die Nährstoffe betrifft. Der großflächige Einsatz von Kunstdünger und Agrargiften schadet der Umwelt. Durch den enormen Wasserverbrauch der Plantagen werden die Trink- und Nutzwasserressourcen der Lokalbevölkerung zerstört. Außerdem sind die Sumpf- und Torfwälder von Sumatra und Borneo wichtige CO2-Senken. Ihre Zerstörung durch Brandrodung führt die angeblich neutrale Klimabilanz von Treibstoffen aus Palmöl ad absurdum.

Inzwischen setzt die Branche auf gentechnisch manipulierte Pflanzen, was bestehende Probleme verschärfen und neue, noch unbekannte hervorrufen wird. BP steckt eine halbe Milliarde Dollar in die Erforschung genetisch manipulierter Rohstoffe, die letztlich zu Biodiesel verarbeitet werden sollen. Die Gentechnik-Branche sieht sogar einen ganz neuen Markt, nachdem viele Verbraucher die Produktion von „Frankenstein-Nahrung“ abgelehnt haben. „Frankenstein-Diesel“, so die Kalkulation, lässt sich womöglich leichter verkaufen, weil es nicht durch den Magen geht.

Die „Frankenstein-Branche“ folgt dem Muster der Atomindustrie, die sich angesichts des Klimawandels wieder als Alternative anbietet. Die Produktion von genetisch veränderten Pflanzen als erneuerbare Quelle für Treibstoffe könne die Technologie hoffähig machen und die Hysterie beenden, die oft mit gen-food verbunden gewesen sei, so der Agricultural Biotechnology Council, eine Dachorganisation der wichtigsten Gentechnik-Konzerne.

Neue Satellitenbilder zeigen, dass 40 Prozent der festen Erdoberfläche als Acker- und Weideland genutzt werden. Platz für den Anbau von Energiepflanzen ist nicht vorhanden – außer auf Kosten wertvoller Ökosysteme oder auf Kosten der Welternährung. Wenn, wie das auch manche Umweltschützer fordern, so genannte Biokraftstoffe weltweit eingesetzt werden, dann werden große landwirtschaftliche Nutzflächen der Erde nur noch dazu dienen, Autos zu ernähren und nicht Menschen.

Bereits heute hungern 800 Millionen Menschen. Die Weltgemeinschaft wird sich nicht zunächst daran machen, diese 800 Millionen Menschen zu ernähren und danach erst so genannte Biokraftstoffe produzieren. Der Weltmarkt reagiert auf Geld und auf Profite, nicht auf Bedürfnisse. Menschen, die Autos fahren, haben mehr Geld als Menschen, die hungern. In einem Wettbewerb zwischen der Nachfrage nach Treibstoff und der Nachfrage der Armen nach Lebensmitteln wird der Autobesitzer immer gewinnen.

Der Konkurrenzkampf zwischen Nahrungsmittelherstellung und Treibstoffgewinnung hat längst begonnen. Nachdem Malaysia und Indonesien im Juni 2006 angekündigt hatten, fast 40 Prozent ihrer Palmöl-Ernte für die Produktion von Biodiesel zu reservieren, stieg der Preis für Palmöl in zwei Monaten um 20 Prozent. Wirtschaftsexperten warnten nach der Entscheidung, Palmöl werde teuer und damit unerschwinglich für Verbraucher in armen Ländern wie Indien, China und Pakistan.

Eine Zertifizierung von Palmöl nach den Kriterien des bereits existierenden „Roundtable“ für nachhaltige Palmöl-Produktion hat bisher praktisch nichts erreicht. Der Roundtable wird dominiert von multinationalen Konzernen. Zwar sitzen auch NGOs wie Sawit Watch mit am Tisch, aber eher, um durch ihr Engagement das schlimmste zu verhindern. Bis heute lehnen aus den genannten Gründen auf Graswurzelebene vernetzte indonesische NGOs wie Sawit Watch oder Walhi einen industriellen Einsatz von Palmöl ab.

Statt Palmöl mit einem Zertifizierungssystem ein grünes Mäntelchen umzuhängen, ist ein EU-weites Gesetz erforderlich, das die Energiegewinnung aus tropischen Pflanzen verbietet. <>


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