Unruhen in Indonesien

Jungle World, 31. März 1999

Provos und Identitäten

Von Alex Flor

Jungle WorldHandelt es sich bei den bürgerkriegsähnlichen Zuständen, die seit Wochen die indonesische Insel Ambon sowie seit jüngstem die Provinz West-Kalimantan erschüttern, um interreligiöse oder sogenannte interethnische Konflikte? Diese Erklärung würde zu kurz greifen, um den komplexen Ursachen gerecht zu werden. Moslemführer Abdurrahman Wahid zumindest, dessen Eintreten für religiöse Toleranz weite Anerkennung findet, ist überzeugt, daß die Ausschreitungen durch gezielten Einsatz von Provokateuren geschürt wurden.

Des öfteren schon sah sich Wahid selbst als Zielscheibe ähnlicher Aktionen. Er traut sich nicht, Namen zu nennen, doch seine Andeutungen hinsichtlich der Unruhen in Ambon werden allgemein als Hinweis auf führende Köpfe der Jugendorganisation „Pemuda Pancasila“ gedeutet – eine Organisation, die dem früheren Diktator Suharto nahesteht. Sie rekrutiert sich aus Jugendlichen und Kleinkriminellen und betätigt sich als mafiaähnliche „Schutztruppe“ für Markthändler sowie als Schuldeneintreiber. In der Vergangenheit wurde Pemuda Pancasila von den Machthabern oft als paramilitärische Truppe gebraucht, um Unruhen anzuheizen oder Oppositionelle zu verfolgen. Daß „verantwortungslose Provokateure“ den Konflikt in Ambon angezettelt haben, bestätigte sogar der zuständige Regionalkommandeur der Armee, Amir Sembiring.

Rechtsanwalt Munir, Sprecher der Kommission für Verschwundene und Gewaltopfer (Kontras), erläuterte, die Unruhen auf Ambon folgten exakt demselben Muster wie frühere Ausbrüche der Gewalt: Am Anfang stehe eine Streitigkeit mit ethnischem, religiösen oder sozialem Hintergrund. Der nächste Schritt sei die Verbreitung von Gerüchten unter den (potentiellen) Konfliktparteien, die jeweils andere Seite hege Mordabsichten oder dergleichen. Die dritte Stufe sei der Ausbruch von Unruhen, angeführt von Leuten von außerhalb. Auf der vierten Stufe werde das Klima für Racheakte geschaffen, und der letzte Schritt sei schließlich das Eingreifen des Sicherheitsapparates, der mit harten militärischen Mitteln die Ordnung wieder herzustellen versuche. „Wir merken, daß diese ganze Gewalt zunehmend politisch benutzt wird“, sagte er.

Sollten also wirklich Suharto oder ihm nahestehende Kreise innerhalb des Militärs hinter den Unruhen zu suchen sein? Und wenn ja, was sollten sie damit bezwecken?

Ein naheliegendes Motiv könnte sein, einfach Chaos zu schaffen, um von anderen Problemen abzulenken. Wer redet beispielsweise von Suhartos Schuld an den Massakern von 1965, solange die tägliche Gewalt in Ambon die Schlagzeilen beherrscht? Das Schüren von Unruhen könnte auch dem Ziel dienen, bewußt ein Ventil zu öffnen, durch das die aus vielerlei Gründen unzufriedene Bevölkerung Dampf ablassen kann. Auch Vermutungen, durch das wachsende Chaos sollten die für Juni angesetzten Wahlen vereitelt werden, wurden bereits laut. Mit Blick auf die zusehends verfallende Autorität des Militärs ließe sich zudem vermuten, daß Vorwände geschaffen werden sollen, um ein hartes Durchgreifen der Streitkräfte zu rechtfertigen, mit dem Ziel, langfristig den Einfluß des Militärs auf Politik und Wirtschaft abzusichern.

Sidney Jones von Human Rights Watch, die kürzlich von einer Reise durch mehrere indonesische Konfliktregionen zurück kam, berichtet, sie habe keine „smoking gun“ gefunden, die die in Jakarta verbreitete Auffassung stütze, Hintermänner im Umfeld von Ex-Diktator Suharto seien für die Gewaltausbrüche verantwortlich. In den Konfliktgebieten selbst sei man zwar ebenfalls davon überzeugt, daß die Unruhen provoziert wurden; doch die ausschlaggebenden Gründe würden hier eher in lokalen Zusammenhängen gesehen.

Der Einsatz von Provokateuren hat jedoch nur Aussicht auf Erfolg, wenn die Individuen sozusagen an einem wunden Punkt getroffen werden können. Der Kollaps des Modernisierungsprozesses in Indonesien, der durch die Asienkrise eine enorme Beschleunigung erfuhr, hat bei den Subjekten die Neigung zumindest verstärkt, sich archaischen Orientierungsmustern zu unterwerfen – vorgefertigten „Identitäten“, basierend auf Religion, angeblichen Blutsbanden, mythischen Riten. Und wenn der Verteilungsspielraum schwindet, finden sich immer noch angebliche Profiteure, die gewöhnlich anderen „Identitäten“ anhängen, an denen man sein Mütchen kühlen kann. <>


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