Indonesien-Information, Nr. 2/1995 (Soziales)

 

Bandenkriege mit vergifteten Pfeilen


In Medan/Nord-Sumatra hat ein schon lange herrschender Bandenkrieg rivalisierender Straßengangs groteske Ausmaße angenommen. Neueste Waffe der Verbrecherorganisationen im Kampf gegeneinander sind vergiftete Pfeile.

Als der 25jährige Supriyanto alias Tumpak seine Gegner angriff, trafen ihn zwei Pfeile der anderen Seite in die Brust. Er starb noch vor Ort. Die Pfeile waren aus rostigem Eisen, hatten eine Länge von zehn Zentimetern und ihre Spitzen waren mit einem giftigen Gemisch aus Harz und Rattenkadavern beschmiert. Der dazugehörige Bogen war aus alten Autoreifen hergestellt worden.

Tumpak gehörte einer der kriminellen Organisation an (in Indonesien allgemein bekannt unter dem Begriff "Preman"), die im Bezirk Polonia in Medan operieren. Diese Straßengangs sind wegen ihrer brutalen Methoden berüchtigt und leben vor allem von der Arbeit als Leibwächter und der Erpressung von Schutzgeldern. Seit den 70er Jahren kontrollieren zwei Gangs das Gebiet von Polonia, die sich "graue" und "blaue" Gang nennen. Nachdem Ucok, Mitglied der "grauen" Gang, Anfang der 80er Jahre brutal von der "blauen" Gang ermordet wurde, sind die beiden Gruppierungen miteinander verfeindet.

Währenddessen versprach der Bezirk Polonia für Kriminelle zu einer lukrativen Einnahmequelle zu avancieren, denn viele wohlhabende Chinesen ließen sich in der Gegend nieder. Die von Chinesen erpreßten Schutzgelder - pro Nacht um die 25.000 Rupiah (ca. DM 18,-) - strich vor allem die "graue" Gang ein, während "blaue" Gang Schutzgelder von acht dort ansässigen Firmen kassierte. Außerdem hatten die "Blauen" das Monopol auf Abrißarbeiten, wenn Einwohner von Polonia ihre alten Häuser abreißen und neue bauen wollten.

Noch härter wurde der Konkurrenzkampf um die Einflußgebiete, als in den 80ern eine dritte Organisation - genannt die "grüne" Gang - auf der Bühne erschien. Seitdem vergeht kaum ein Tag ohne gewaltsame Auseinandersetzungen. Nach dem Vorbild chinesischer Kung-Fu-Filme wird mit Messern und Schwertern gekämpft, und nun scheinen die Gangs eine neue Waffe für sich entdeckt zu haben: Pfeil und Bogen. Den Vorteil dieser Methode erläuterte ein führender Preman so: "Wir können den Gegner aus langer Distanz bekämpfen, ganz ohne Körperkontakt". Außerdem sind die neuen Waffen billig. Ein vergifteter Pfeil kostet nur 1.500 Rupiah (ca. DM 1,10 DM).

Der Straßenkampf mit Pfeil und Bogen hat sich noch zugespitzt, seit die Baufirma PT Anugerah Dirgantara Perkasa die Lizenz erhielt, in der Gegend eine Wohnsiedlung mit einer Fläche von 100 Hektar zu errichten. Da Polonia selbst nur 157 Hektar umfaßt, mußte ein Teil der Einwohner zwangsumgesiedelt werden. Die darauffolgenden weiträumigen Abrißarbeiten wurden automatisch zu einer gewaltigen Einnahmequelle für die Premans. Monatlich belief sich der geschätzte Profit der Gangs auf jeweils zwei Millionen Rupiah (ca. DM 1.430,-). Doch gleichzeitig wurde nun um das Anrecht auf den Abriß jedes einzelnen Hauses erbittert gekämpft. Medans Polizei stand dem Geschehen machtlos gegenüber, weshalb schließlich das Militär einschreiten mußte.

Doch wie ist es um die Opfer der blutigen Auseinandersetzungen bestellt? Seit 1991 starben insgesamt fünf Personen durch vergiftete Pfeile; 18 Menschen wurden mit Äxten erschlagen, 15 verstümmelt und 6 vorsätzlich geblendet. Weitere Personen erlitten schwere und leichtere Verletzungen.

Im Gebiet von Polonia sind von den insgesamt 31.000 EinwohnerInnen 20.000 Jugendliche, viele davon arbeitslos. Die krassen sozialen Gegensätze spiegeln sich hier auch im Stadtbild deutlich wider. Während an den Rändern luxuriöse Häuser stehen, ist das Zentrum von Polonia ein Elendsviertel. Sogar die Militärkaserne im Zentrum ist in jämmerlichem Zustand. /Gatra 28.01.95/ <>
 
 
 

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